Es war eines der mysteriösesten Rätsel in der neueren Medizingeschichte, als in den frühen 1980er Jahren vormals gesunde junge Männer in Los Angeles eine seltene Form der Lungenentzündung entwickelt hatten. Etwa zur selben Zeit tauchten in New Yorker Kliniken ebenfalls junge Männer auf, die eine noch seltenere Form von Krebs, das sogenannte Kaposi-Sarkom aufwiesen. Beiden Krankheiten schien eine erworbene Immunschwäche zugrunde zu liegen und der erste Zusammenhang, der relativ schnell festgestellt wurde, war die homosexuelle Orientierung der Patienten. Innerhalb der folgenden paar Jahre, während denen die Erkrankung jeden Kontinent der Welt erreicht hatte und die Anzahl der Todesopfer bereits in die Tausende gestiegen war, wurde ein Virus als ihre Ursache identifiziert, das Humane Immundefizienz-Virus, oder HIV.

Wie mehrere Studien nahe legen, wurde das HI-Virus vermutlich um 1920 vom Schimpansen auf den Menschen übertragen (zuletzt wurde im Journal of Virology im Juni 2016 die Möglichkeit einer derartigen Übertragung beschrieben). Aber wie wirkt sich das Virus auf den Menschen aus? Befallen werden können alle Zellen, die an ihrer Außenseite zwei Rezeptoren tragen: CD4 und CCR5, denn an diese Proteine dockt das HI-Virus an. Viele weiße Blutkörperchen, die zentralen Agenten des Immunsystems, tragen diese beiden Rezeptoren. Hat es das Virus dann ins Zellinnere geschafft integriert es sein eigenes virales Genom in das Genom der Wirtszellen und veranlasst diese dazu, neue Viren zu produzieren und freizusetzen. Auf lange Sicht werden die weißen Blutkörperchen dabei zerstört und Erkrankungen, mit denen das Immunsystem eines gesunden Menschen leicht fertig werden würde, können zum Ausbruch kommen.

In den 1990er Jahren meldete sich der schwule Künstler Stephen Crohn in einer AIDS-Klinik. Sein Lebensgefährte war an AIDS verstorben und Stephen hatte sich nach mehrfachen sexuellen Kontakten zu HIV positiven Männern niemals angesteckt. Bald entdeckten Immunologen, dass seine Immunzellen vollständig immun waren gegen die HIV Infektion. Molekulare Analysen ergaben, dass Stephen eine Mutation im CCR5 Gen trägt. Aufrund des Fehlens von 32 Basenpaaren wird von dieser Variante des Gens kein funktionales CCR5 Protein gebildet; diese Mutation wurde CCR5-delta32 genannt. Durch das Fehlen von CCR5 auf den Zelloberflächen der weißen Blutkörperchen von Trägern der CCR5-delta32 Mutation kann das HI-Virus nicht an die Zellen andocken. Schon bald wurde diese Mutation auch in afrikanischen Prostituierten entdeckt, die sich trotz intensivem Kontakt zu HIV positiven Männern, niemals ansteckten.

Für etliche Schlagzeilen sorgte vor einigen Jahren der Fall Timothy Ray Brown. Nachdem 1995 bei Timothy HIV festgestellt wurde er, wie es heutzutage üblich ist, mit einer starken retroviralen Therapie eingestellt. 2006 wurde bei ihm eine akute Leukämie diagnositiziert, eine lebensbedrohliche Blutkrebserkrankung, die vermutlich nichts mit der HIV-Infektion zu tun hatte. Ein Jahr später erhielt er zum Zweck der Krebsbehandlung eine Knochenmarkstransplantation. Timothy hatte das doppelte Glück, dass es eine passende Knochenmarksspende für ihn gab, dessen Spender zufällig die CCR5-delta32 Mutation trug. Die Behandlung funktionierte, das heißt, das Spenderknochmark ersetzte vollständig Timothys eigene Blutzellen. Damit hatte er nun auch kein funktionelles CCR5 mehr auf den weißen Blutkörperchen und der HI-Virus konnte ihm nicht mehr anhaben; er was also tatsächlich – als erster Mensch weltweit - „geheilt“. Viele Medienberichte werteten dies als Durchbruch in der HIV-Behandlung, womit sie die Lage völlig fehlinterpretierten: eine Knochenmarkstransplantation ist ein sehr beschwerlicher Eingriff, der allein für sich gesehen mit einem erheblichen Sterberisiko einher geht. Wer allerdings heutzutage auf eine retrovirale Therapie anspricht und diese regelmäßig einnimmt, hat aufgrund seiner HIV-Infektion mit einer geringeren Einbuße an Lebensjahren zu rechnen als beispielsweise ein Raucher oder Diabetiker. Kein vernünftiger Arzt würde daher in Betracht ziehen, eine Knochenmarkstransplantation zu unternehmen um jemanden von HIV zu „heilen“; eine solche Behandlung wird nur abgewägt, wenn das Leben derart akut bedroht ist, wie es etwa bei einer Leukämie der Fall ist.