Der Anlass für das Gen dieser Woche ist die kürzlich erfolgte Zulassung eines Gentherapie-Verfahrens durch die EU. Nachdem die EU bereits 2012 Glybera, eine Gentherapie gegen die extrem seltene Stoffwechselerkrankung LPLD, genehmigt hatte, wurde nun, Ende Mai 2016, also eine zweite Gentherapie zugelassen: Strimvelis, ein Produkt der britischen Firma GlaxoSmithKline. Was also ist Strimvelis und wie wirkt es? Auch diese Gentherapie ist zur Behandlung einer extrem seltenen genetischen Erkrankung entwickelt worden: ADA-SCID. SCID steht für Severe Combined Immunodeficiency und die Unterform um die es hier geht ist jene, bei der diese schwere Immundefizienz durch das Fehlen des Enzyms Adenosin-Desaminase (ADA) verursacht wird.

Dieses Enzym spielt eine wichtige Rolle beim Recycling von DNA-Bausteinen. Darüber hinaus ist es daran beteiligt in besonderen Zellen des Immunsystems, den T-Lymphozyten, den für die Funktionsweise dieser Zellen enorm wichtigen Kontakt zu den Blutgefäßwänden herzustellen. Liegt im ADA Gen also eine bestimmte Mutation vor, dann können T-Zellen nicht an die Gefäßwände andocken und nicht ins Gewebe eindringen, wo sie aber dringend gebraucht werden würden um Infektionen zu bekämpfen. Daher haben Kinder, die mit dieser Mutation auf die Welt kommen, kein funktionierendes Immunsystem und müssen im Zuge einer teuren Substitutionstherapie ihrem Körper ständig dieses Enzym zuführen.

Da es sich hier um eine schwere Erkrankung handelt, an der nur ein einziges Gen schuld ist, gab es schon in den 1980er Jahren die Idee, betroffene Kinder zu behandeln indem man ihnen die funktionierende Version dieses Gens einschleust. Und so wurde die vierjährige an ADA-SCID erkrankte Ashanti DeSilva dann in den 1990er Jahren die erste Gentherapie-Patientin überhaupt. Bis heute ist allerdings umstritten, wie wirksam die Therapie war, denn Ashanti DeSilva hat dennoch zu jeder Zeit auch das fehlende Enzym im Rahmen einer Substitutionstherapie zu sich genommen. Als um das Jahr 2000 herum dann bekannt wurde, dass einige Jungen, die zur Behandlung einer anderen Form der SCID eine Gentherapie erhalten hatten, als Folge dieser Therapie schwer an Blutkrebs erkrankt waren, erhielt die Gentherapie einen herben Rückschlag von dem sie sich erst in den vergangenen paar Jahren langsam erholt.

Die große Herausforderung, an der die Gentherapie damals gescheitert ist, ist die sichere Übertragung der einzubringenden Genkopien in die Zellen des Patienten. In aller Regel werden dazu Viren eingesetzt. Wenn man die pathogenen Anteile der Viren-DNA durch die gesunde Variante eines Gen ersetzt, dann überträgt der Virus dieses Gen in die Zellen, die er infiziert. Das Problem bei der Sache ist, dass dieses Gen völlig ungerichtet in das Genom dieser Zellen integriert wird. Dabei kann es auch wichtige Gene, die uns vor Krebs schützen, sogenannte Tumorsuppressorgene zerstören. Schlimmer noch, haben es klassische Retroviren an sich, aktivierende Sequenzen ins Genom zu integrieren. Wenn diese in der Umgebung von Wachstumsfaktoren landen, kann dies direkt ein Tumorwachstum provozieren.

In den letzten Jahrzehnten wurde daher viel unternommen, um diese Viren als Gen-Shuttles sicherer zu machen. Allerdings bleibt ein gewisses Restrisiko bestehen, wenn man Viren als Überträger der Gene einsetzt. Die nun zugelassene Gentherapie hat in Langzeitstudien über 15 Jahre keine Leukämien ausgelöst, dennoch würde wohl niemand das Risiko, das mit so einer Therapie zusammenhängt, eingehen, wenn es Alternativen gibt. Sie ist allerdings nur vorgesehen für den Fall, dass für einen Patient kein Knochenmarkspender in Frage kommt. Dies, zusammengenommen mit der Anzahl der Krankheitsfälle (in der gesamten EU werden jedes Jahr etwa 15 Kinder mit der Erkrankung geboren), lässt Zweifel erwachsen ob Strimveris oft verschrieben werden wird. Glybera, beispielsweise, die bereits seit 2012 zugelassene Gentherapie, wurde bisher ein einziges Mal verschrieben. Wenn man sich überlegt, welche Kosten die extrem langwierige Entwicklung einer solchen so selten angewendeten Therapie verursacht, dann wundert man sich nicht mehr so sehr über den Preis einer Gentherapiebehandlung (im Falle von Glybera liegt dieser bei etwas über einer Million Euro). Ob Strimveris nun in den kommenden Jahren häufiger verschrieben wird, wird sich also erst zeigen.